Essstörungen
Essen hat in unserer Gesellschaft vielfältige Bedeutungen. Neben der Ernährung als Quelle von Kraft und Energie bereitet Essen uns Genuss, Wohlbefinden und Freude. Zunehmend mehr Menschen erleben Essen aber vielmehr als massive Belastung denn als Wohlgefühl. Oft führen ein ungünstiges Ernährungsverhalten und hinderliche Einstellungen dazu, dass das unbeschwerte und freudvolle Essen immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Das Essen selbst wird zum Problem. Nicht selten versuchen die Betroffenen, durch wiederholtes Diäthalten Einfluss auf ihr Gewicht und ihre Figur auszuüben. Doch statt der erhofften Traumfigur erhalten sie einen Teufelskreis aus massiven Ängsten, Diäten, Essanfällen und quälenden Selbstwertzweifeln.

Essstörungen zählen in den Industrieländern mit zu den häufigsten psychischen Problemen. Während bei der Magersucht (Anorexia nervosa) rigoros wenig gegessen wird, leiden Menschen mit Ess-Brech-Sucht (
Bulimia nervosa) unter wiederkehrenden unkontrollierbaren Essanfällen. Oft ist der Übergang zwischen den einzelnen Störungen fließend und Mischformen in der Praxis sehr häufig. Ebenso sind die unspezifische Ess-Sucht und wiederkehrende Essattacken ohne Gegenregulation (Binge-Eating) von der ständigen Beschäftigung mit Essen geprägt. Diese beiden Formen von Essstörung führen häufig zu starkem Übergewicht (Adipositas).


Noch immer hat das äußere Erscheinungsbild in unserer Gesellschaft einen enorm großen Stellenwert. Das Aussehen wird dabei mitunter zur wesentlichen wenn nicht sogar alleinigen Quelle des Selbstwertgefühls. Vor dem Hintergrund der bestehenden Schlankheits- und Schönheitsideale wird der Drang, den vermittelten Idealen zu entsprechen oft extrem quälend. Viele Menschen, insbesondere Frauen beschäftigen sich infolgedessen in extremem Maße mit den Themen Essen, Figur und Gewicht. Sie fühlen sich zu dick und fürchten deshalb, abgelehnt und zurückgewiesen zu werden. Oftmals ziehen sie sich immer weiter von ihren sozialen Kontakten zurück und vereinsamen.

Die Bulimie (wissenschaftlich Bulimia nervosa), ist durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet, bei denen die Betroffenen in kurzer Zeit unkontrolliert große Mengen an Nahrung zu sich nehmen. In Folge der Heißhungeranfälle treten meist intensive Gefühle von Scham und Niedergeschlagenheit auf. Mehr noch, der vorausgegangene Essanfall oder auch die reguläre Ernährung werden zum Auslöser quälender Angst vor dem Dickwerden. Um die befürchtete Gewichtszunahme zu verhindern, kommt es im Anschluss an Essanfälle in der Regel zu kompensatorischen Maßnahmen. Die häufigsten Formen der Gegenmaßnahmen sind Erbrechen, Diäthalten und exzessives Sporttreiben. Aber auch die Einnahme entwässernder oder abführender Medikamente gehören zu den gängigen Strategien, um eine befürchtete Gewichtssteigerung zu verhindern. Besonders das absichtliche Erbrechen wird oftmals als außerordentlich beschämend empfunden. Viele der Betroffenen berichten, nach einer Diät unabsichtlich in das bulimische Essverhalten gerutscht zu sein. Der Beginn liegt häufig im frühen Erwachsenenalter. Wenngleich die Zahl der Betroffenen stetig steigt, handelt es sich bei den Betroffenen doch meist um Frauen mit Normalgewicht. Bekannt ist, dass 1% der Frauen unter Bulimie leiden. Die Dunkelziffer liegt dabei um einiges höher. Bei anhaltender Symptomatik wird das Selbstwertgefühl zunehmend mehr an Figur und Gewicht geknüpft. Da diese in der Regel nicht den überhöhten Erwartungen entsprechen, die Betroffenen sich für ihren unkontrollierten Essstil und die Gegenmaßnahmen zugleich extrem schämen ist der massive Verlust des Selbstwertgefühls eine natürliche Folge. Traurige depressive Zustände überlagern das kurzfristige Hochgefühl über den (möglichen) Gewichtsverlust. Schon nach kurzer Zeit beginnen die Betroffenen vielfältige negative Gefühle mit Essen zu bewältigen (Ärger, Traurigkeit, Langeweile u.a.m.). Es wird immer schwerer, sich von der erlernten Funktionalität des Essens zu lösen. Ebenso wird die Wahrnehmung der Hunger- und Sättigungssignale verlernt.

Essstörungen bei Übergewicht
Für Übergewicht (Adipositas) ist in den meisten Fällen das Essverhalten verantwortlich. Häufig berichten die Betroffenen über ein reduziertes Ernährungsverhalten, das dennoch keine Gewichtreduktion zur Folge habe. Meist liegen zahlreiche quälende Diätversuche hinter einem, die, wenn überhaupt, dann oft nur vorübergehend zu einer Gewichtsabnahme geführt haben. Schlimmer noch, sobald die strenge Diät aufgegeben wird und das Essverhalten sich wieder normalisiert kommt es in vielen Fällen anschließend zu einer erneuten Gewichtszunahme, die oftmals noch über das ursprüngliche Gewicht hinaus geht. Enttäuscht und entmutigt über die erfolglosen Versuche wird es immer schwerer, an die Möglichkeit der Veränderung zu glauben. Mehr noch fühlen sich die Betroffenen extrem niedergeschlagen und schämen sich für ihr unkontrolliertes Essverhalten. Das Übergewicht selbst wird meist von einem intensiven Gefühl der Scham begleitet. Viele Betroffene berichten, dass es ihnen große Angst und Anstrengung bereitet, ihren Körper in der Öffentlichkeit zu zeigen. Öffentliches Essen in Restaurants sowie auf der Straße oder auch sportliche Betätigung werden aus Angst vor negativer Bewertung und Anfeindung durch die Umwelt oft vermieden. In Folge dessen ziehen sich viele übergewichtige Menschen bis hin zur sozialen Isolation zurück. Sie erleben somit nicht nur einen starken Mangel an Bewegung sondern haben durch die wenigen Freizeitaktivitäten außerhalb der Wohnung oft generell selten Gelegenheiten, etwas zu erleben. Essen im Allgemeinen und Naschen im Besonderen werden häufig zum Tröster in den immer öfter zunehmenden Phasen tiefer Traurigkeit und des Alleinseins. Auf diese Weise wird es immer schwerer, den Kreislauf ohne fremde Hilfe zu durchbrechen.

Behandlung
Aufbauend auf einer eingehenden Diagnostik wird von der Therapeutin / dem Therapeuten ein individueller Behandlungsplan erstellt. In einem anschließenden therapievorbereitenden Gespräch wird mit Hilfe von anschaulichen Modellen ein Verständnis für die eigenen auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen der Symptomatik vermittelt. Ausgehend davon wird ein persönlich zugeschnittener Therapievorschlag unterbreitet. Für die meisten Betroffenen spielt in der Therapie das Thema Ernährung sowie der Umgang mit belastenden Situationen und Emotionen eine sehr wesentliche Rolle. In vielen Fällen ist es hilfreich, durch gemeinsam eingenommene Mahlzeiten Ängste vor dem Essen abzubauen, oder auch ein ausgewogenes Ernährungsverhalten zu trainieren. In diesem Kontext bietet sich auch die Möglichkeit eines Wahrnehmungstrainings für Hunger- und Sättigungssignale an. Bei Bedarf kann es überdies förderlich sein, theoretische Informationen über Ernährung zu gewinnen. Möchte man in belastend empfundenen Momenten das oft gewohnheitsmäßig eingesetzte Verhaltensmuster des Essens zugunsten eines günstigeren Bewältigungsverhaltens eintauschen, muss man die persönlichen Auslöser zunächst aufdecken. Im Weiteren werden in der Therapie für die ermittelten Auslöser alternative bewältigende Verhaltensweisen entwickelt und trainiert. Für viele Betroffene ist es auch hilfreich, durch Körperübungen mögliche Verzerrungen in der Wahrnehmung des eigenen Körpers zu korrigieren. Zur Aufrechterhaltung der erreichten Veränderungen wirkt ferner der Aufbau von Selbstwertgefühl, körperlicher Bewegung und vermehrter Aktivität nachhaltig unterstützend. Die Umsetzung der erarbeiteten Veränderungen in Einstellungen, Verhalten und Erleben im Alltag werden über einen längeren Zeitraum therapeutisch begleitet, so dass ausreichende Gelegenheit zur Festigung besteht.

Wir wollen also gemeinsam mit Ihnen darauf hinwirken, dass Essen (wieder) zu einem unbeschwerten und freudvollen Erlebnis werden kann, und mit Ihnen zusammen daran arbeiten, dass Sie ein von Ihrer Figur und Gewicht unabhängiges stabiles Selbstwertgefühl entwickeln können.